
Immer wieder, wenn über neue Windkraftanlagen diskutiert wird, taucht eine Frage auf:
„Wenn wir keine Windräder wollen – was wäre denn die Alternative?“
Oft fällt dann das Stichwort Kernkraft. Manche hoffen auf ein Comeback der Atomenergie, andere halten sie für ein Auslaufmodell. Doch wie sieht es wirklich aus? Was hat sich seit dem deutschen Atomausstieg technisch getan? Und wie steht die Kernkraft heute im weltweiten Energiemix da?
Die globale Lage der Kernenergie
Einen fundierten Überblick bietet der jährlich erscheinende „World Nuclear Industry Status Report“, der von einem internationalen Expertenteam zusammengestellt wird. Auf über 500 Seiten dokumentiert er detailliert, was rund um den Globus an Kernkraftwerken gebaut, betrieben oder stillgelegt wird.
Ein Blick in die Daten zeigt ein klares Bild:
Zwar werden weiterhin einzelne Reaktoren gebaut, doch die Zahl der aktiven Atomkraftwerke sinkt seit 2006 kontinuierlich. In den letzten 20 Jahren gingen weltweit 102 neue AKWs ans Netz, gleichzeitig wurden 104 abgeschaltet.
China bildet hier die Ausnahme: Das Land hat 49 neue Reaktoren in Betrieb genommen, ohne bisher einen stillzulegen. Im Rest der Welt werden jedoch mehr Reaktoren abgeschaltet als neu gebaut.
Der Grund liegt auf der Hand: Viele Anlagen stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahren und erreichen heute das Ende ihrer technischen Lebensdauer. Die Nachrüstung alter Reaktoren ist teuer, sicherheitstechnisch schwierig und wirtschaftlich kaum rentabel.
Atomkraft verliert an Bedeutung
Der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromproduktion liegt derzeit bei rund 9 Prozent – so niedrig wie noch nie. Zum Vergleich: Solar- und Windenergie wachsen Jahr für Jahr zweistellig und liefern heute schon deutlich günstigeren Strom.
Die Atomindustrie hat sich stark konsolidiert. Heute dominieren sechs große Akteure den Markt:
USA (Westinghouse), Russland (Rosatom), China, Südkorea, Frankreich (EDF) und Japan (Toshiba/TEPCO).
Eine besondere Rolle spielt Russland, dessen Staatskonzern Rosatom nicht nur im Inland, sondern auch in Schwellenländern AKWs baut und gleichzeitig den weltweiten Markt für Kernbrennstoffe dominiert.
Neue Projekte entstehen vor allem dort, wo staatliche Subventionen oder politische Interessen eine Rolle spielen – wirtschaftlich rentabel ist der Neubau meist nicht mehr.
Wirtschaftliche Realität
Ein modernes Atomkraftwerk kostet heute 8 bis 12 Milliarden Euro pro Reaktorblock und benötigt 7 bis 10 Jahre Bauzeit. Viele Projekte werden jedoch deutlich teurer und dauern länger:
- Das britische Vorzeigeprojekt Hinkley Point C (EDF) wird inzwischen auf rund 50 Milliarden Euro geschätzt, die Fertigstellung frühestens 2030–31 erwartet.
- Der garantierte Strompreis liegt dort bei über 15 Cent pro Kilowattstunde – mehr als das Doppelte der Gestehungskosten von Wind- oder Solarenergie.
Neue Reaktorkonzepte – Fortschritt oder Wunschdenken?
Unter dem Begriff „Generation IV“ werden international sechs Reaktorkonzepte erforscht, die versprechen, sicherer, effizienter und umweltfreundlicher zu sein. Ziele sind u. a.:
- inhärente Sicherheit (keine Kernschmelze im Störfall)
- bessere Brennstoffausnutzung
- weniger langlebiger Atommüll
- geringeres Risiko der militärischen Nutzung
Klingt beeindruckend – doch die meisten dieser Konzepte basieren auf Forschungsansätzen aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Kein einziges System steht derzeit kurz vor der Marktreife.
Beispiel China
China forscht derzeit an zwei Konzepten:
- Flüssigsalzreaktor mit Thorium – theoretisch viel Brennstoff verfügbar, aber hohe Materialkorrosion bleibt ein ungelöstes Problem.
- Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktor – verspricht Effizienz und Sicherheit, kämpft aber mit extremen Temperaturen von 850–900 °C.
Auch der in Deutschland entwickelte Dual-Fluid-Reaktor befindet sich noch in einer sehr frühen Erprobungsphase – der erste Demonstrator soll in Ruanda entstehen, die kommerzielle Nutzung ist frühestens in 15 Jahren denkbar.
Und die Kernfusion?
Die Kernfusion, also die „Sonnenenergie auf Erden“, gilt seit Jahrzehnten als Traum der Wissenschaft. Tatsächlich wurden in den letzten Jahren Fortschritte erzielt. Der große internationale Forschungsreaktor ITER in Südfrankreich soll ab 2034/35 erstmals experimentell zünden. Doch auch danach sind noch viele Jahre Forschung nötig, bevor ein wirtschaftlicher Fusionsreaktor denkbar ist.
Fazit: Die Zukunft liegt woanders
Nach aktuellem Stand ist die Atomenergie weder wirtschaftlich noch klimatisch konkurrenzfähig mit den Erneuerbaren.
Die weltweite Flotte von derzeit rund 420 Reaktoren dürfte bis 2050 auf unter 200 schrumpfen. Neue Technologien werden daran wenig ändern – sie sind teuer, langsam in der Entwicklung und technisch riskant.
Wind- und Solarenergie dagegen sind heute schon die günstigsten und flexibelsten Energiequellen. Sie lassen sich dezentral nutzen, schnell ausbauen und sind frei von radioaktiven Altlasten.
Die Zukunft der Energieversorgung liegt also nicht im Rückblick auf alte Technologien, sondern im konsequenten Ausbau erneuerbarer Quellen – lokal, sicher und bezahlbar.
Quellen:
https://www.worldnuclearreport.org/IMG/pdf/wnisr2024-v4.pdf#page42
https://www.kernenergie.ch/de/zahlen-und-fakten-_content—1–1079.html
https://de.wikipedia.org/wiki/WWER
https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Hinkley_Point
https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Flamanville
