DEEP DIVE Windkraft: Windkraft in Baden-Württemberg. Lohnt sich das überhaupt – auch ohne Subventionen?

Zwischen Gechingen, Calw-Stammheim, Calw-Holzbronn, Wildberg Gültlingen und Deckenpfronn sollen Windkraftanlagen entstehen – ein Projekt, das im Einklang mit allen gesetzlichen Vorgaben steht. Für viele von uns ist das ein Hoffnungsschimmer: ein aktiver Beitrag gegen den Klimawandel, direkt vor unserer Haustür. Doch es gibt auch lautstarke Gegenstimmen, die mit teils irreführenden Argumenten Zweifel säen. Eine zentrale Frage dabei lautet häufig: Sind Windenergieanlagen in Baden-Württemberg überhaupt wirtschaftlich – insbesondere ohne staatliche Subventionen?

1. Ein Blick auf die Wirtschaftlichkeit von Windkraft allgemein

Windkraft gilt heute als eine der kostengünstigsten Formen der Energieerzeugung weltweit. Die sogenannten Stromgestehungskosten – also die Kosten zur Produktion einer Kilowattstunde Strom – sind bei neuen Windkraftanlagen häufig niedriger als bei fossilen Kraftwerken.

Info: Stromgestehungskosten — auch „Levelized Cost of Electricity“ (LCOE) — geben die gesamten durchschnittlichen Kosten pro erzeugter Kilowattstunde an, über die gesamte Lebensdauer einer Anlage. Dabei fließen ein:

  • Bau‑ und Finanzierungskosten
  • Betriebs‑ und Wartungskosten
  • Brennstoffkosten (sofern vorhanden)
  • Rückbau- und Entsorgungskosten

Diese Kosten unterscheiden sich grundsätzlich vom Strompreis, den Verbraucher:innen zahlen – dieser enthält zusätzliche Posten wie Netzentgelte, Steuern und Umlagen1.


Vergleich der Stromgestehungskosten verschiedener Technologien (Deutschland 2024)2

Erneuerbare Energien

  • Onshore Wind (ländlich, gute Standorte): 4,3–9,2 ct/kWh 
  • Photovoltaik (PV, Deutschland): 4,1–14,4 ct/kWh, kombinierte Systeme (inkl. Speicher) bis 22,5 ct/kWh

Fossile Energieträger

  • Braunkohle: 15,1–25,7 ct/kWh
  • Steinkohle: 17,3–29,3 ct/kWh  
  • Gas (GuD‑Kraftwerke): 10,9–18,1 ct/kWh  

Atomkraft (neue Reaktoren)

  • Neu gebaut: 13,6–49,0 ct/kWh je nach Standort, Baukosten etc.  
  • Abgeschriebene Alt-Reaktoren: Betriebskosten nur ca. 1,7–2,2 ct/kWh – allerdings gelten diese nicht für Neubauten 

Interpretation & Einordnung

  1. Windkraft auf dem Land ist – komplett ohne Subventionen einzurechnen – kostengünstiger als neue Kohle‑, Gas‑ und Atomkraftwerke.
  2. PV-Anlagen sind in vielen Fällen sogar noch günstiger – insbesondere auf Dächern oder Freiflächen.
  3. Atomkraftwerke erreichen nur bei alten, vollständig abgeschriebenen Anlagen sehr niedrige Kosten. Bei Neubauten sind sie jedoch deutlich teurer, oft mit LCOE über 20 ct/kWh
  4. Fossile Kraftwerke wie Braun‑ oder Steinkohle sind längst nicht mehr wirtschaftlich – zudem verursachen sie hohe externe Kosten (z. B. CO₂, Luftverschmutzung) 

2. Baden-Württemberg: Kein „Windkraft-Musterland“ – und doch mit Potenzial

Baden-Württemberg zählt nicht zu den windreichsten Bundesländern. Der Süden Deutschlands hat im Vergleich zum Norden (z. B. Schleswig-Holstein oder Niedersachsen) deutlich geringere durchschnittliche Windgeschwindigkeiten – was die Wirtschaftlichkeit beeinflusst.

Aber: Die Technik hat sich massiv weiterentwickelt. Moderne Anlagen mit größeren Nabenhöhen (über 160 Meter) und optimierter Effizienz können auch an sogenannten „Schwachwindstandorten“ wirtschaftlich betrieben werden. Das Landesumweltministerium bestätigt, dass etwa 11,8% der Landesfläche technisch für wirtschaftliche Windnutzung geeignet sind. Genaueres ist dem Windatlas zu entnehmen 3 .

Der Windatlas betont allerdings, dass ein standortspezifisches, umfassendes Gutachten in jedem Fall notwendig ist. Geplant ist die Durchführung bis einschließlich Juli 2026 im Rahmen der umfassenden Gutachtenverfahren. Dies geht aus der aktuellen Zeitleiste hervor, welche die Gemeinde Gechingen im RIS Portal veröffentlicht und der Gemeinderat diskutiert hat.

Betrachtet man den Windatlas für den spezifischen Standort der geplanten Anlagen im Gebiet Lindenrain, so geht daraus hervor, dass dort bei einer Nabenhöhe des Windrads von 160m eine mittlere gekappte Windleistungsdichte von 190-250 Watt pro Quadratmeter ausgewiesen wird. Wirtschaftlich sind Windräder ab einer Windleistungsdichte von 215 W/m2. Sofern die zu errichtenden Windräder also eine Nabenhöhe von mindestens 160 Meter haben, gelten diese als grundsätzlich wirtschaftlich. Aktuell wird davon ausgegangen, dass eine Nabenhöhe von 179 Metern angestrebt wird.

3. Ohne Subventionen – geht das überhaupt?

Hier ist Präzision gefragt: Der Begriff „Subventionen“ wird oft falsch verstanden. Windkraftprojekte erhalten heute keine direkten Zuschüsse mehr, sondern eine Marktintegration über das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) 4. §22 des EEG regelt dabei genau, unter welchen Bedingungen Marktprämien in Anspruch genommen werden dürfen 5.

Seit 2017 werden Windkraftprojekte im Rahmen von Ausschreibungen vergeben. Das bedeutet: Betreiber bieten auf einen festen Vergütungssatz pro Kilowattstunde. Nur die günstigsten Gebote erhalten den Zuschlag – Betreiber würden sich also selbst beschneiden, wenn sie eine zu teure Anlage mit zu wenig Ertrag bauen würden. Der durchschnittliche Zuschlagssatz für Wind an Land lag 2024 bei rund 6,2 Cent/kWh – auf dem gleichen Niveau der damaligen Marktpreise.

Info: Marktpreise für Windstrom schwanken aufgrund verschiedener Faktoren wie Tageszeit, Standort oder Wetter. Demnach ist der Marktwert einer Kilowattstunde aus Windenergie permanent schwankend.. Bis einschließlich Monat Mai lag der Marktwert einer Kilowattstunde aus Onshore-Windenergie im Jahr 2025 bei 8,22 Cent. Das liegt etwas unter dem Preis für Offshore-Windenergie und über dem Preis für Photovoltaik. Im Jahr 2024 lag der Marktpreis für Onshore Windenergie im Durchschnitt bei 6,21 Cent6.

Darüber hinaus gibt es definierte Maßnahmen des Landes Baden-Württemberg, welche den Ausbau der Windenergieerzeugung unterstützen, wie zum Beispiel die Förderung von Beratungen von Kommunen durch Energieagenturen, Gutachtenerstellung und Netzwerkarbeit 7. Diese zielen besonders darauf ab, den Genehmigungs- und Antragsstellungsprozess zu attraktivieren – denn umfassende Gutachten zu relevanten Themen wie Schattenwurf, Artenschutz oder Schall dauern im Durchschnitt zwei bis fünf Jahre. Unternehmen sollen deshalb animiert werden, trotz der langen und bürokratisierten Warteperiode bis zum ersten Renditeabwurf in derartige Projekte zu investieren, und eben nicht nur dem „schnellen Geld“ nachzulaufen. Die tatsächliche Wirtschaftlichkeit der fertigen Anlage wird davon nicht berührt. Besonders gefördert werden darüber hinaus Bürgerenergiegesellschaften. Die Landesbank L-Bank bietet darüber hinaus zinsgünstige Kredite für die Finanzierung von Windenergieanlagen an. Alle möglichen Förderungen sind in der Förderdatenbank des Bundes einzusehen 8.

4. Was ist mit Rückbaukosten und „Schattenwirtschaft“?

Gegner bringen oft vor, dass Windräder nach 20 Jahren stehen bleiben, ohne Rückbau, und die Kosten dann der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Das ist falsch.

Betreiber einer Windenergieanlage müssen bereits bei Genehmigung eine finanzielle Sicherheitsleistung für den Rückbau hinterlegen. Zudem ist der Materialwert (Stahl, Kupfer etc.) hoch – oft übersteigen die Rückbauwerte die Kosten. Eine Windkraftanlage ist kein „Sondermüll“, sondern zu mehr als 85 % recycelbar 9. Nach § 35 Abs. 5 BauGB ist im Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen über 50 m Höhe eine verbindliche Rückbauverpflichtungserklärung erforderlich 10. Erst mit dieser wird die Genehmigung erteilt.

5. Lokale Beispiele: Funktioniert das in unserer Region?

Schon heute sind in Baden-Württemberg über 780 Windkraftanlagen in Betrieb – viele davon wirtschaftlich höchst erfolgreich. Ein Beispiel: Der Windpark Hohenlohe, betrieben von einem Bürgerenergieunternehmen, erzielt trotz moderatem Windaufkommen eine stabile Rendite und beliefert über 10.000 Haushalte. In guten Windjahren kommt es dabei sogar zu Rekordausschüttungen an die beteiligten Bürger von über 10% 11.

Auch das Landesumweltministerium hat 2024 bestätigt, dass bei heutigen Strompreisen und Technologien Windkraftprojekte im Land unter marktwirtschaftlichen Bedingungen rentabel betrieben werden können 12.

Schlussfolgerung: Fakten statt Mythen

Windkraftanlagen sind auch bei uns in Gechingen wirtschaftlich – und das ohne direkte Subventionen, denn bereits die Stromgestehungskosten sprechen für ihre Wirtschaftlichkeit. Die Technik ist ausgereift, das Potenzial vorhanden, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen.  Wer also behauptet, dass sich Windkraft „bei uns nicht lohnt“, verbreitet entweder veraltete Informationen – oder bewusst Falschbehauptungen.

Gerade im Vorfeld einer Bürgerabstimmung ist es uns wichtig, wissenschaftlich fundiert, aber verständlich zu informieren. Denn nur eine aufgeklärte Öffentlichkeit kann selbstbestimmt und verantwortungsvoll entscheiden.


Quellen:

1 Was sind Stromgestehungskosten? https://www.enbw.com/unternehmen/themen/solarenergie/stromgestehungskosten.html#was-versteht-man-unter-stromgestehungskosten

2 Fraunhofer-Studie zu Stromgestehungskosten aus 2023: https://www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/publications/studies/DE2024_ISE_Studie_Stromgestehungskosten_Erneuerbare_Energien.pdf

3 Windatlas Baden-Württemberg : https://www.energieatlas-bw.de/wind/windatlas/karten

4 Ausschreibungen für Onshore-Windanlagen https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Ausschreibungen/Wind_Onshore/start.html

5 Paragraph 22 des EEG https://www.gesetze-im-internet.de/eeg_2014/__22.html

6 Förderprogramm „Klimaschutz Plus“ https://um.baden-wuerttemberg.de/de/presse-service/foerderprogramme/klima/klimaschutz-plus

7 Strommarktpreise 2025 https://www.netztransparenz.de/de-de/Erneuerbare-Energien-und-Umlagen/EEG/Transparenzanforderungen/Marktprämie/Marktwertübersicht

8 Förderdatenbank des Bundes https://www.foerderdatenbank.de/FDB/DE/Home/home.html

9 Interdisziplinärer Fachartikel zur Recyclingfähigkeit von Windturbinen: https://www.mdpi.com/1996-1073/14/14/4247

10 Paragraph 35 BauGB https://www.gesetze-im-internet.de/bbaug/__35.html

11 Redkordausschüttungen im Windpark Hohenlohe https://www.windkraft-journal.de/2018/03/19/ausschuettungsquote-von-bis-zu-1375-ertragsstaerkste-windjahr-beim-buergerwindpark-hohenlohe/118675

12 Land bestätigt hohes Potenzial von Windenergie (2024) https://um.baden-wuerttemberg.de/de/klima-energie/energiewende/erneuerbare-energien/windenergie

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